Lifestyle
21. März 2020

Eigentlich würde Stefan Pichler heute Abend im Lindenhof in Naturns an der Bar stehen. Doch seit 11. März sind Hotels und Restaurants in Südtirol geschlossen. Der Barista bewältigt seit fast zwei Wochen einen Familienalltag mit Ausgangssperre.

„Bei uns gibt es wenigstens noch Toilettenpapier…“

Der Tag des Nachtmenschen Stefan Pichler beginnt um sieben Uhr am Morgen. „Ich habe Kinder. Ich habe jede Menge zu tun – und ich gehe jetzt ja auch früh ins Bett“, sagt der 32-Jährige, der sonst seine Nächte an der Bar im Lindenhof DolceVita Resort verbringt. Er lacht. Obwohl sich sein Leben wegen Covid 19 von einem Tag auf den anderen verändert hat.

Am 3. März saß Stefan morgens im großen Seminarraum des Lindenhofs. Die Familie Nischler begrüßte neue Mitarbeiter und verkündete die großen Pläne für die Saison 2020. „Wir waren alle top motiviert“, sagt der Barmann. Die Saison 2020 begann für ihn am 5. März. Und sie endete vorläufig am 10. März. „Wie viele haben wir das Virus zunächst nicht so ernst genommen. Erst als Joachim Nischler verkündete, das Hotel zu schließen, um Gäste und Mitarbeiter zu schützen, wussten alle, was die Stunde geschlagen hatte.“ Zwei Tage später machte die Regierung in Rom auch Südtirol dicht. Hotels und Restaurants durften nicht mehr öffnen, für die Menschen galt die Ausgangssperre.

Auch für Stefan Pichler.

Für ihn, sagt er, sei das nicht so tragisch. Für seine drei Kinder ist es schlimmer. Er muss ihnen erklären, dass sie ihre Freunde nicht mehr sehen dürfen, dass sie nicht in die Schule können und zu Hause lernen müssen. Alles geht jetzt online für den 13-jährigen Lukas und den 10-jährigen Jonas, auch die Tests und Benotungen. „Wir drucken das PDF der Aufgaben aus, die Kinder sitzen im Zimmer und füllen es aus – und bei dem Jüngeren müssen wir sogar die Hausaufgaben einscannen und zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder zurückschicken“, sagt der Vater Pichler, der jetzt zusammen mit seiner Frau auch den Lehrer ersetzen soll. Unterricht bei uns daheim. Der Ältere muss die Tests bearbeiten, aber erst zurückbringen, wenn die Schule wieder beginnt. Trotzdem: „Die Schule zu Hause füllt unseren Familienalltag schon ziemlich aus.“

Was soziale Kontakte anbelangt, sind die Jüngeren in der Familie Pichler trotzdem bestens organisiert. Man verabredet sich inzwischen mit den Freunden zu Spielen im Internet, tauscht sich über WhatsApp und Soziale Medien mit all denen aus, mit denen man sonst die Freizeit verbringen würde. Und: „Der Vorteil ist natürlich, dass wir ein Haus mit Garten haben. Da sind sie dann schon auch noch genügend an der frischen Luft“, sagt Stefan Pichler. So lässt sich „Lagerkoller“ eher vermeiden, zumal auch das Familienleben für Abwechslung sorgt. „Meine Schwiegereltern wohnen im Haus nebenan. Wir können die Abende gemeinsam verbringen – und auch abwechselnd kochen. Das macht sogar Spaß“, sagt Stefan Pichler.

So sei auch bei ihm noch keine Langeweile aufgekommen. „Mein Schwiegervater hat 200 Apfelbäume ausrangiert, aus denen wir jetzt Holz für den Winter machen“, sagt der Barista. Im Geräteschuppen will er einen Holzboden verlegen, den Teich im Garten hat er endlich mal gereinigt. „Es ist noch viel zu sanieren, die Arbeit wird mir nicht ausgehen.“

Auch Lebensmittel gehen den Pichlers in Kastelbell nicht aus. „Wir dürfen ja hier in der Gemeinde immer einkaufen gehen, wenn wir was brauchen.“ Dazu lädt er einen Transferschein aus dem Internet, den es für Einkäufe, Arztbesuche oder Fahrten zur Arbeit gibt – und damit darf er mit einer Person zum nächsten Supermarkt fahren. Alles sei da, erzählt er und lächelt über die Meldungen aus Deutschland. „Bei uns gibt es wenigstens noch Toilettenpapier…“ So bleibt die einzige Sorge, wie es mit dem Tourismus weitergehen wird ­– auch wenn der Barmann des Lindenhofs überzeugt ist, „dass unsere Stammgäste uns nicht im Stich lassen werden“.

Wann der Tag X sein wird, weiß natürlich auch Stefan Pichler nicht. „Ich schaue mir fast keine Fernsehsendungen zu dem Thema Corona mehr an. Weil sich die Experten ja doch täglich widersprechen.“ Nur eines weiß der junge Familienvater: wie lange er es persönlich mit einer solchen Ausgangssperre wie derzeit in Italien aushalten könnte. „So lange noch Bier im Keller ist.“

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